Gerald Hüther: „Wir müssen das System der Dressur- und Abrichtungsschule überwinden“

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Gerald Hüther, Neurobiologe („Hirnforscher“), übt seit Jahren scharfe Kritik an unserem Schulwesen. Seine Botschaft lautet im Kern: Lernen gelingt nur nachhaltig, wenn Begeisterung oder wenigstens Freude im Spiel ist — doch genau die wird durch unser auf Abrichtung und Dressur eingestelltes Schulsystem vernichtet: „Unser Schulsystem produziert leidenschaftslos gewordene Pflichterfüller.“

Ein paar Auszüge aus Interviews und Vorträgen:

  • In einem Interview mit der Frankfurter Rundschau (04.04.2009, online hier) sagte Hüther:

    Unsere Schulen sind Zweckbauten. Viele gleichen Containern, in denen Kinder mit Wissen abgefüllt werden sollen. Doch Container sind keine einladenden Orte, an denen sich Kinder wohlfühlen, wo sie gerne lernen. Wer jedoch nicht gerne lernt, lernt wenig. […]

    Der Geist, der in unseren Schulen herrscht [muss sich ändern]. Das Klima und damit der Geist der Schule prägen am nachhaltigsten die Erfahrung, die Kinder und Eltern mit Schule machen. Unsere gegenwärtigen Zweckbauten, die wir Schulen nennen, wecken keine Lust auf Lernen, sondern nur auf das Erreichen von Ergebnissen in Form von Zensuren und Abschlüssen. […]

    Sie [die Kinder] gehen zumeist nicht dorthin [in die Schule], um für sich zu lernen. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass allein Resultate wichtig sind. Sie lernen für die Prüfung, für die Note, für den Lehrer, die Eltern und die Chance auf einen guten Job. […]

    Man kann sich ausmalen, was Schüler und Lehrer empfinden, wenn sie sich als Objekte irgendwelcher, von oben verordneter Maßnahmen erleben. Sie werden geprägt sein von einem Verwaltungsgeist, einem Pflichterfüllergeist und einem Klagegeist.

  • In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung (17.5.2010, online hier) sagte er:

    Jedes Kind kommt mit Entdeckerfreude und Gestaltungslust auf die Welt, und es ist kein Naturgesetz, dass es irgendwann die Lust am Lernen verliert. Eine gute Schule erkennt man daran, dass die Kinder morgens gern hingehen und traurig sind, wenn die Ferien beginnen. […]

    „Schule muss wehtun!“ Mit dieser Haltung werde ich immer wieder bei meinen Vorträgen konfrontiert. Da kommt dann zum Beispiel ein Mann auf mich zu und sagt: „Ich hab das auch alles erlitten und bin trotzdem Professor geworden.“ Ich erwidere dann meistens: „Wer weiß, was aus Ihnen geworden wäre, wenn Sie Spaß gehabt hätten?“ Dann werden die Leute oft sehr nachdenklich. […]

    Wir müssen das System der Dressur- und Abrichtungsschule überwinden, dafür braucht es mutige Eltern, Lehrer und Rektoren. Ich bezweifle, dass das staatliche System diesen Sprung schnell genug schafft. Die Privat- und Alternativschulen werden sich immer mehr durchsetzen.

  • Uns gefällt am besten ein einstündiger, umfassender Vortrag Gerald Hüthers, der auf folgendem Video wiedergegeben wird (Youtube, „Ohne Gefühl geht gar nichts — Gerald Hüther“):

    Darin sagte er:

    Langsam dämmert es mir, dass es sonderbare Gemeinsamkeiten gibt zwischen diesen beiden großen Arbeitsbereichen, in denen ich unterwegs bin: In beiden, in den Kliniken und speziell in den psychiatrischen Kliniken und auch in vielen Schulen, ist es nicht so, wie es sein sollte. Da sieht es ähnlich aus, wenn man reinkommt. Da ist so eine Stimmung, die auch so ähnlich ist. Und da geht es auch in beiden Einrichtungen so ähnlich zu. Und beide Einrichtungen könnten das gleiche gebrauchen. Die könnten zum Beispiel gebrauchen, dass es dort richtige Beziehungen gibt, dass Menschen sich dort tatsächlich begegnen.

    Die könnten Öffnung gebrauchen, dass sich das, was dort stattfindet, nicht nur in den engen Räumen dieser Einrichtungen stattfindet, sondern dass diese Einrichtungen mit dem lebendigen Leben in ihrer Kommune in Kontakt kommen. Sie könnten in beiden Einrichtungen mehr Bewegung, mehr Singen und Theaterspielen gebrauchen. […]

    Wenn Schulen tatsächlich Einrichtungen werden wollen, in denen Potentiale entfaltet werden könnnen, in denen Kinder nicht einfach nur abgerichtet werden, in denen ihnen nicht einfach nur Wissen beigebracht wird, sondern wo sie eingeladen, inspiriert und ermutigt werden, ihre Potentiale zu entfalten, dann brauchen wir Menschen, die in der Lage sind, Schüler oder andere Menschen einzuladen, zu ermutigen und zu inspirieren. Und einladen kann man nur jemanden, den man mag. Man braucht also eine Beziehung zu demjenigen. […]

    40 % der deutschen Schulkinder gehen mit Angst in die Schule, zeigen Umfragen. Das ist ein Zustand, den wir als Erwachsene nicht zulassen dürfen. Das ist unverantwortlich. Es wäre für die besser, die würden zuhause bleiben. Aus der Angst heraus kommt man nur durch dieses andere Gefühl: Vertrauen. Und wenn sich Vertrauen wecken lässt, dann kann man zeigen, wie die Bereiche im Hirn, die bei der Angst heißlaufen, heruntergekühlt werden. […]

    Dieses Klima, in dem man sein Gehirn benutzt — das kann das Familienklima sein, die Atmosphäre, die im Kindergarten herrscht, die Atmosphäre, die in der Schule herrrscht, auch die Atmosphäre, die einer bestimmten Kultur oder Gesellschaft herrscht — dieses Betriebsklima, das könnte man als Geist bezeichnen. Und so wie die Haltungen, die Menschen entwickeln, dazu führen und darüber bestimmen, wie und wofür die ihr Hirn benutzen, wofür die sich nochmal begeistern, wo denen das herz aufgeht, wo sie offen werden für das, was es zu gestalten und zu entdecken gibt […], so ist es dieser Geist, dieses Betriebsklima, das darüber bestimmt, was Menschen in einer Einrichtung, in einer Familie, in einer Schule für Erfahrungen machen können. Das heißt, der Geist bestimmt den Rahmen, in dem die Erfahrungen gemacht werden, und dann werden aus diesen Erfahrungen diese Haltungen. Um diesen Geist müssen wir uns kümmern. Diesen Geist darf man nicht sich selbst überlassen. Schulen brauchen einen Potentialentfaltungsgeist, einen Geist, in dem Leute unterwegs sind, die das dort hervorbringen, wozu Schulen da sind, nämlich dass sich die Potentiale entfalten. […]

    Wenn man sich um den Geist nicht kümmert, der in einer Einrichtung herrschen sollte, damit die Einrichtung ihre Aufgaben erfüllen kann, dann verflüchtigt sich dieser Geist. Und in vielen Schulen und in vielen Krankenhäusern hat sich dieser Geist, der da reingehört, verflüchtigt. Weg ist er. Und immer wenn der Geist, der reingehört, weg ist, kommt ein anderer Geist und besetzt die Schule oder das Krankenhaus. Das ist in den Schulen oder Krankenhäusern leider der Verwaltungsgeist geworden. Der sitzt da jetzt. Manchmal auch der Klagegeist.

    Und dieser Verwaltungsgeist schafft die Erfahrungsräume, die die Lehrer, die Schüler, die Patienten zur Verfügung haben, um bestimmte Erfahrungen zu machen. Und wenn man die Erfahrung macht, dass man immer nur verwaltet wird und dass man nur für den nächsten Abschluss lernt, dann entsteht daraus eine Haltung. Und am Ende passt die Haltung, die man entwickelt — nennen wir es die passive Konsumenten- oder Pflichterfüllerhaltung –, genau zu dem Verwaltungsgeist, und dann haben sich zwei gefunden, und die lassen sich so schnell nicht wieder trennen.

    Wenn man dann versucht, einen neuen Geist zu implementieren, dann sagen die alle: „Nee, das ist uns zu anstrengend, wir wollen unsere alten Regeln wieder haben.“ Und wenn man von unten versucht, neue Haltungen in die Schulen zu bringen, dann sagt der Geist: „Das entspricht nicht den Verwaltungsvorschriften.“ Dieses Dilemma lässt sich nicht aus den Schulen heraus lösen. Dieses Dilemma braucht einen Impuls von außen.

  • In einem Interview mit derStandard.at (15-minütiges Youtube-Video hier) sagte Hüther:

    Unser Schulsystem produziert […] junge Menschen, die zwar gut funktionieren, aber die — böse ausgedrückt — leidenschaftslos gewordene Pflichterfüller sind. […]

    Die Lehrer tun mir leid. […] Gehen wir mal davon aus, dass die fast alle einen guten Willen gehabt haben, als die mal in dieses System reingegangen sind. Und wenn das jetzt so geworden ist, dass die es nur noch mit Mühe aushalten, dann liegt das eben auch daran, dass die dort kaum eigene Gestaltungsspielräume gefunden haben. Im Grunde genommen geht’s den Lehrern fast so wie den Schülern. Sie können nichts gestalten. Sie kriegen von oben Druck, vom Kultusministerium eine Vorgabe nach der anderen, und sie müssen einen Validierungsbogen nach dem anderen ausfüllen. Aber das reicht noch nicht. Sie kriegen auch von unten Druck, von den Eltern, die da ständig sagen, sie täten nicht genug. Und sie haben riesige Schwierigkeiten mit Kindern, die alle ihre Lernlust schon verloren haben. Dann kann es eben sehr leicht passieren, dass man als Lehrer aufgibt, den Mut verliert. Dann ist man keiner mehr, der einlädt. Dann ist man einer, der sich selbst rettet, der versucht durchzuhalten, bis die Rente kommt. Das ist natürlich eine Katastrophe. […]

    Wenn Eltern sich auf den Weg machen würden und andere Schulen einfordern würden, so eine Art Aufstand von unten, eine Art Bewegung gründen würden, die dann in die Schulen gehen und sagen: „Ey, wir wollen, dass das anders wird. Wie können wir euch, liebe Lehrer, lieber Schuldirektor, dabei unterstützen, dass hier eine andere Kultur, ein anderer Geist in die Schule kommt?“, dann könnte ich mir vorstellen, dauert es gar nicht lange, bis die ersten Bildungspolitiker begreifen, dass es jetzt notwendig wird, dass man das Schulsystem ändert, und zwar so, wie die Eltern das einfordern.

    Wenn wir darüber nachdenken, wie unser gegenwärtiges Bildungssystem verändert werden kann, müssen wir endlich aufhören, darauf zu hoffen, dass es eine Regierung oder ein König oder ein Kaiser oder der liebe Gott oder das Kultusministerium verändert. Das wird nichts. Die Veränderungsprozesse, die wir brauchen, müssen wir vor Ort einfordern, das heißt, es müssten Bürger vor Ort sich zusammentun, eine Initiative gründen, sie müssten zu der Schule gehen, die dort in ihrer Kommune beheimatet ist, und den dort beschäftigten Pädagogen anbieten und ihnen die Frage stellen: „Hey, wir würden euch gerne dabei unterstützen, dass hier ein anderer Geist, eine andere Lernkultur, eine andere Beziehungskultur in dieser Schule aufgebaut werden kann — was für Unterstützung braucht ihr?“ Das wäre eine bürgerschaftliche Bewegung, die unten anfängt.